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Das Kind in der Wand



Moniek offline
DJ
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Herkunft: GERMANY  Hannover 30451
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Betreff: Das Kind in der Wand  -  Gepostet: 06.01.2018 - 16:11 Uhr  -  
Das Kind in der Wand – Die Geburt und das erste Jahr


Bei Marie setzten vorzeitig die Wehen ein. Nicht ungewöhnlich, wenn Zwillinge erwartet werden.
Zu diesem Zeitpunkt war sie jedoch ganz allein zu Haus.
Ihr Mann stellte sich in seiner neuen Firma vor, in der er in zwei Wochen seinen ersten Arbeitstag haben würde.
Maries Schwester Yvonne besorgte noch ein paar Kleinigkeiten für das erste Abendessen im neuen Haus.
Dummerweise war das Telefon auch noch nicht angeschlossen und der größere Sohn, Felix, machte Urlaub bei der Oma. Mit seinen fast 6 Jahren wäre er schon in der Lage gewesen, jemanden zur Hilfe zu holen.
Die neuen Nachbarn und deren Gewohnheiten kannte sie auch noch nicht, so dass sie auch nicht wusste, ob lautes Rufen nützen würde.
So bereitete sie alles vor, um notfalls die Kinder zu Hause zu entbinden.
Sie suchte sich aus den Umzugskartons Handtücher und Laken heraus. Zu ihrem Glück waren die Kartons beschriftet.
Bevor sie sich auf das Sofa legte, schaute sie noch einmal aus der Terrassentür und sah, wie sich etwas hinter der Hecke bewegte, die ihr Grundstück vom Nachbargrundstück trennte.
Sie zog und zerrte am Griff der Tür, klopfte und rief, doch die Tür bekam sie nicht auf.
Erschöpft legte sie sich schließlich hin und wurde auch schon von den Wehen überrollt.
Als sie wieder durchatmen konnte, hörte sie ein Klopfen an der Terrassentür und als sie den Kopf hob, bemerkte sie eine ältere Frau, die ihr zuwinkte.
Mühsam erhob sie sich und ging langsam zur Glastür und – wie durch ein Wunder – ließ sie sich jetzt ganz leicht öffnen.
Die Frau stützte Marie und führte sie zum Sofa zurück, denn schon wieder kamen die Wehen in immer kürzeren Abständen.
Keine Chance mehr, einen Krankenwagen oder Arzt zu rufen.
Marie hatte keine Angst, denn sie fühlte sich sicher in der Gegenwart der Frau, die genau zu wissen schien, was zu tun war.
In einer der knappen Wehenpausen hatte sie einen großen Topf mit Wasser auf den Herd gesetzt und war auch schon wieder zur Stelle, als die nächsten Wehen einsetzten.
Aus einem der Kartons hatte sie eine große Bettdecke hervor geholt, die sie mit schnellen Handgriffen frisch bezog und neben das Sofa auf den Boden legte.
Ihr Blick streifte den bereit gelegten Stapel Handtücher und sofort wandte sie sich wieder
Marie zu, bei der jetzt die Presswehen begonnen hatten.
Sie stopfte noch ein Kissen in ihren Rücken und stützte sie.
Die Geburt ging dann schnell und leicht vonstatten, die beiden Mädchen waren ja noch klein und leicht, da sie 4 Wochen zu früh geboren wurden.
Im Abstand von nur 10 Minuten kamen die Mädchen zur Welt.
Die Frau nahm sie in Empfang, badete sie und wickelte sie in kuschelige Handtücher um sie danach auf die Bettdecke zu legen.
Dann half sie Marie, sich ein wenig zu waschen und ein frisches Nachthemd anzuziehen.
Das erste Baby war schon ziemlich groß und kräftig, das zweite klein und zart.
Während das Erstgeborene lautstark protestierte, hörte man von dem anderen Kind nur ein leises Wimmern.
Die Frau hatte bis dahin kein einziges Wort gesprochen.
Sie legte der Mutter die beiden Babys in die Arme und streichelte kurz über den zarten Flaum auf den Köpfen.
Dann strich sie Marie sanft über die Wange und sagte nur „Sei stark“ zu ihr.
Als letztes legte sie die Bettdecke über Mutter und Babys und ging ebenso ruhig, wie sie gekommen war, zur Tür hinaus.
Marie wollte ihr noch etwas nachrufen, wenigstens ein *Dankeschön*, doch sie war schon weg.
Ihr fielen ihr die Augen zu, doch in der Angst, eins der Kinder fallen zu lassen, schreckte sie immer wieder auf.
Dann kamen fast gleichzeitig ihr Mann und ihre Schwester nach Hause.
Nach wenigen Minuten trafen der Arzt und der Krankenwagen ein, die der Mann gerufen hatte und umgehend wurden Mutter und Babys ins Krankenhaus gebracht
Nach eingehenden Untersuchungen sprachen die Ärzte Marie ein großes Lob aus, dass sie alles so fachmännisch gehandhabt hatte.
Die Ärzte und Schwestern kümmerten sie erst einmal um die Babys, die zur Vorsicht in Brutkästen gelegt wurden.
Dann saß der Oberarzt neben Maries Bett und ließ sich die Geburt in allen Einzelheiten
schildern und während sie sprach, machte er sich Notizen.
Als sie von der Frau erzählte, fragte er nach deren Namen, aber den wusste sie ja nicht.
Sie wurde in ein Zimmer verlegt und durfte sich endlich ein wenig ausruhen.
Erschöpft schlief sie ein und bemerkte nicht, dass ihr Mann und ihre Schwester den Raum betreten hatten.
Ihr Mann hatte schon mit dem Arzt gesprochen und war auch auf die Unbekannte angesprochen worden, die Marie bei der Geburt geholfen hatte.
Als sie langsam aus tiefem Schlaf auftauchte und in einen leichten Dämmerschlaf wechselte, hörte sie Wortfetzen, aber wusste nicht, von wem.
„ Endlich …Kinder da……Klotz am Bein…..unförmig…..“ sagte eine Männerstimme.
„ Liebling“, sagte die Frauenstimme „ich bin doch bei dir“.
Als sie dann ganz wach war, saß ihr Mann an ihrem Bett und lächelte sie an,
„Zwei so hübsche Kinder, das hast du gut gemacht“, er nahm ihre Hand „wie wollen wir sie denn nennen?“
„Jana und Lena“ sagte sie und ihr Mann erhob keine Einwände.
Jana wurde das zuerst geborene, kräftigere Kind genannt und Lena die zarte Schwester.
Nach einer Woche konnte Marie aus dem Krankenhaus entlassen werden und durfte Jana mitnehmen. Lena sollte noch ein wenig kräftiger werden und ein paar Tage länger dort verbringen.
In dieser Nacht schlief Marie gar nicht und ging wohl an die zehnmal an die Wiege ihrer Tochter, die dort friedlich schlief und nur einmal erwachte, etwas trank und sofort wieder
weiterschlief – während ihre Schwester im Krankenhaus um ihr Leben kämpfte und verlor……..!!
Um 2 Minuten nach 6 Uhr klingelte das Telefon.
Marie bekam einen Weinkrampf und als der Arzt ihr eine Beruhigungsspritze gegeben hatte, saß sie nur noch da und starrte an die Wand.
Später fand man sie im Kinderzimmer, sie saß an dem Bettchen von Jana und war um nichts in der Welt dazu zu bewegen, das Zimmer auch nur eine Minute zu verlassen, als hätte sie Angst, auch dieses Kind zu verlieren.
Um die Bestattung von Lena musste sich der Vater kümmern, Marie war nicht dazu in der Lage.
Das *Warum* stand als großes Fragezeichen im Raum und Marie gab sich die Schuld, weil sie ihre Tochter im Krankenhaus zurückgelassen hatte.
Die Versorgung ihrer Tochter und Felix, des älteren Bruders überließ sie niemandem, aber um den Haushalt und alles Andere mussten sich ihr Mann und Ihre Schwester kümmern.
Weil seine Mutter kaum noch auf Spielvorschläge einging und meist bei der Tochter im Kinderzimmer saß, ging Felix immer öfter zu seiner Tante, um mit ihr zu spielen und seine kleinen Probleme zu besprechen.
Marie verfiel zusehends, sie aß kaum noch etwas, duschte nur noch sporadisch und starrte meist vor sich hin – nur wenn ihre Tochter weinte, war sie sofort zur Stelle.
Als sie auch auf diese Signale nicht mehr reagierte, nahm man ihr das Kind weg und legte zunächst eine Puppe in die Wiege.
Von dem Zeitpunkt an, kümmerte sich die Tante um alles, Marie bekam von Allem nichts mehr mit.
Ihr Mann setzte es schließlich durch, dass sie in eine Klinik eingewiesen wurde. Sie ließ sich bereitwillig zum Krankenwagen führen.
Als ihre Tochter weinte, nahm sie die Puppe fest in den Arm und drehte sich nicht einmal mehr um.
In der Klinik verdämmerte sie ihre Tage, immer die Puppe im Arm.
Zuhause nahm ihre Schwester ihren Platz ein, den sie auch schon vorher innegehabt hatte, denn Maries Mann hatte schon einige Zeit vorher ein Verhältnis mit seiner Schwägerin und als Marie ihre Kinder fast allein zur Welt gebracht hatte, vergnügten sich die beiden auf einem abgelegenen Parkplatz.
Wenn man dann schon die Frage nach der Schuld stellen würde, wären die beiden durchaus an erster Stelle zu nennen, denn bei rechtzeitiger Versorgung hätte Lena vielleicht nicht sterben müssen.
So verging Tag um Tag.
In der Familie wurde von Marie nicht mehr gesprochen und selbst Felix *vergaß* seine Mutter.
Eines Nachts starb Marie so still und unauffällig, wie sie zuletzt gelebt hatte, genau ein Jahr, nachdem ihre Tochter Lena gestorben war.
Kurz bevor sie die Augen für immer schloss, war sie bei klarem Bewusstsein und sah an ihrem Bett die Frau, die ihr bei der Geburt geholfen hatte und daneben ein kleines Mädchen.
Sie wusste sofort, dass das ihre Tochter Lena war und an ihrem strahlenden Gesicht sah sie, dass die Kleine glücklich war.
„ Ich hole Dich ab, Mama“, sagte sie.
Die Frau erklärte Marie dann noch, dass ihre Schwester große Schuld auf sich geladen hatte.
Sie wollte den Mann ihrer Schwester für sich und isolierte Marie, ohne, dass sie es merkte und verabreichte ihr zuviel und zu starke Medikamente, so dass sie schließlich nicht mehr in der Lage war, sich um irgendetwas zu kümmern, nicht mal um sich selbst.
Diese Mittel hatten bei Marie für einen Dämmerzustand gesorgt, der auch nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte, zumal die Ärzte sich auch nicht sonderlich darum bemühten.
Das letzte, was Marie wahrnahm, war das gütige Lächeln der Frau, bevor sie an der Hand ihrer Tochter Lena in eine bessere Welt ging, ohne Schmerzen und Intrigen.
Ihr Sohn Felix erfuhr nichts davon, dass seine Mutter gestorben war.
Die Beisetzung erfolgte in aller Stille, wie man so sagt und nur ihr Mann war dabei.
Yvonne fühlte sich auf der sicheren Seite.
In dem Ort wusste sowieso niemand von dem Drama. Da niemand Marie kennen gelernt hatte, kannte man nur die *Familie*, wie sie sich darstellte.
Felix hatte seine Mutter endgültig vergessen und die Erwachsenen wollten nicht mehr daran erinnert werden und versteckten jeden Beweis der Existenz Maries und Lenas.





Das Kind in der Wand – Jana und Lena

Die Stimmen in ihrem Kopf wurden immer lauter, zuletzt war es ein lauter Schrei, der nicht wieder aufhören wollte.
Zusammengekauert saß sie auf ihrem Bett, ganz in die Ecke gedrückt, hatte beide Hände auf ihre Ohren gelegt und schrie, anhaltend, schrill und voller Angst.
Da kamen sie auch schon zur Tür herein.
Was sie vorher nur wie durch einen Filter wahrgenommen hatte, verdichtete sich jetzt zu lautem Gerede, Rufen……..
Befehle wurden ausgegeben, eine Spritze lag plötzlich wie hergezaubert in der Hand einer Frau. Jana wollte protestieren aber ………..zu spät.
Den Einstich spürte sie noch, dann fiel sie in einen tiefen Schlaf, glitt dann unbemerkt ins Koma, aus dem sie vorläufig nicht wieder erwachte.
Schmal und blass und endlich ganz still, friedlich und entspannt lag sie in ihrem Bett, in der Klinik. Niemand kam zu Besuch, nur das Personal kümmerte sich um sie.
Niemand?
Abgesehen von ihrer Schwester Lena und ihrer Mutter, die täglich an ihrem Bett saßen, aber die beiden gehörten nicht dieser Welt an, nicht mehr.
Ihr Vater wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben und erzählten allen, auch ihrem älteren Bruder Felix, dass sie im Krankenhaus gestorben wäre.
Ihre Stiefmutter, die auch ihrer leiblichen Mutter Medikamente verabreicht hatte,
die sie zu einer willenlosen Figur machten, unfähig für sich selbst und für ihre Kinder zu sorgen, wandte diese Methode auch bei Jana an.
Sie wurde ihr zu gefährlich, ihr Geheimnis war nicht mehr sicher, da Jana davon wusste.
Sie war jetzt 15 Jahre alt und solange sie zurückdenken konnte, bekam sie regelmäßig Besuch von Lena, ihrer Zwillingsschwester, die kurz nach der Geburt gestorben war.
Als sie noch klein war, schien es ihr, als ob Lena in der Wand wohnte, denn dort, neben ihrem Bett, trat sie immer ein.
Die Schwester zeigte sich erst so klein, wie Jana zu dem Zeitpunkt auch war und wurde dann regelmäßig größer, so dass sie immer genauso alt zu sein schien.
Die beiden spielten miteinander, erzählten Geschichten, sangen, bis es an der Zeit war, dass Jana schlafen musste.
Wenn Lena mal nicht kam, war sie ganz traurig.
Ein paar Mal hatte sie versucht, ihrem Vater, der Mutter und dem Bruder davon zu erzählen (sie wusste noch nicht, dass das andere Mädchen ihre Schwester war), doch die hörten gar nicht richtig zu und taten es als Kinderphantasie ab.
Ihre Mutter schaute sie manchmal nachdenklich und prüfend an, fragte aber auch nicht weiter nach.
So vergingen die Jahre.
Irgendwann erfuhr sie, dass ihre Besucherin die verstorbene Zwillingsschwester war.
Jana lebte in zwei Welten.
Sie war ein hübsches, kluges Mädchen, lernte sehr gut, war brav und machte den Eltern keine Probleme. Am meisten liebte sie ihren Bruder Felix.
Aber auch ihm sagte sie nichts von den Begegnungen.
In der Ehe der Eltern kriselte es.
Die Vergangenheit holte sie immer wieder ein und das, was die Beiden so gerne vergessen hätten, drohte ans Tageslicht zu kommen.
Felix brauchte für die Anmeldung an der Universität seine Geburtsurkunde und stutzte, als der Name seiner Mutter mit Marie und nicht Yvonne dort eingetragen war.
Am nächsten Tag gab ihm die Mutter eine neue Geburtsurkunde, auf der dann der Name Yvonne als Mutter stand. Sie sprach von einem Irrtum im Standesamt und Felix glaubte ihr.
Die Urkunde war natürlich eine Fälschung. Yvonne wähnte sich wieder in Sicherheit, merkte aber bald, dass die ganze Situation ihr zu entgleiten drohte.
Bei Jana war jetzt nämlich, kurz vor ihrem 15. Geburtstag, ihre Mutter zusammen mit der Schwester erschienen.
Behutsam klärten sie das Mädchen auf und so erfuhr Jana nach und nach die ganze Geschichte.
Sie sollte selbst entscheiden, welchen Weg sie gehen würde.
Die Ehe ihres Vaters mit ihrer Tante war kurz vor dem Aus, da das Wissen um die Vergangenheit immer über ihnen schwebte.
Niemand war zuhause, als Jana ihre Stiefmutter zur Rede stellte. Der Vater war auf einer mehrtägigen Geschäftsreise und der Bruder in einer anderen Stadt, wo er sein Studium begonnen hatte.
Yvonne stritt alles ab, als das Mädchen sie mit den Tatsachen konfrontierte. Sie redete und redete, so dass Jana unsicher wurde.
Wieder setzten die starken Kopfschmerzen ein, die sie in der letzten Zeit in immer kürzeren Abständen hatte.
Die Stiefmutter gab sich sehr besorgt und verabreichte ihr ein Medikament, das beruhigend wirkte und sehr müde machte.
In einer Art Dämmerzustand verbrachte sie die nächsten Tage, immer wieder mit den Tabletten ruhig gestellt.
Als der Vater nach Hause kam, war er sehr erschrocken und brachte seine Tochter sofort ins Krankenhaus.
Yvonne setzte erneut ihre ganze Schauspielkunst ein und schaffte es, den Ärzten glaubhaft zu machen, dass das Mädchen die Medikamente selbst genommen hatte, gestohlen aus ihrem Nachtschrank.
Der Hinweis auf die verstorbene leibliche Mutter, die ja auch *nicht ganz richtig im Kopf* war, machte die ganze Geschichte glaubhaft.
Jana war apathisch, nicht in der Lage für sich selbst zu sprechen.
Mit unbewegter Mine unterschrieb der Vater die Einwilligung, dass sie in der Klinik bleiben würde und ging hinaus, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Auf der Heimfahrt sprachen die Beiden kein Wort miteinander. Der Mann packte ein paar Sachen zusammen und verkündete, dass er sich eine kleine Wohnung genommen hätte, alles Weitere würden sie später besprechen.
Yvonne weinte und bettelte, zuletzt tobte sie und warf mit Gegenständen um sich.
Der Mann verließ das Trümmerfeld und stieg in seinen Wagen.
Für ihn war dieses Kapitel beendet.
Seinen Sohn hatte er schon informiert und wollte sich demnächst mit ihm aussprechen.
Die Frau lief von einem Zimmer ins andere. Mal weinte sie, mal schimpfte sie lautstark vor sich hin.
Sie verfluchte alle, den Mann, den Sohn, die Schwester, die beiden Mädchen, nur sich selbst gab sie keine Schuld an dem Ganzen.
Nachts fand sie keinen Schlaf, nickte nur manchmal im Sessel ein, um nach kurzer Zeit wieder aufzuschrecken.
Wie gehetzt schaute sie um sich, vermeinte Schritte und Stimmen zu hören.
Hohläugig, ungepflegt mit wirrem Haar stand sie eines Morgens vor dem Spiegel.
Sie hatte einen Entschluss gefasst.
Das Mädchen musste weg, dann würde sie das Steuer noch einmal herumreißen können und der Ehemann würde zu ihr zurückkehren.
Wie in Trance machte sie sich ein wenig zurecht und fuhr in die Klinik, in der Jana sich befand.
Wie sie genau vorgehen wollte, wusste sie noch nicht.
Sie ahnte ja nicht, dass die Mutter und die Schwester in höchster Alarmbereitschaft waren.
Wie Yvonne es geschafft hatte, unbemerkt in das Krankenzimmer zu kommen, war ein Rätsel.
Nun stand sie da, ein Fläschchen mit starken Herztropfen in der Hand. Jana schlief, von Medikamenten ruhig gestellt, aber auch Marie und Lena waren dort.
Sie versuchten, in das Bewusstsein des Mädchens zu dringen, sie redeten mit ihr und warnten sie vor der drohenden Gefahr.
Unaufhörlich riefen sie sie beim Namen, bis sich das Mädchen halb aufrichtete, ihre Stiefmutter entdeckte und schrie, solange, bis Ärzte und Schwestern auftauchten.
Die Frau wurde der Polizei übergeben, aber als nicht zurechnungsfähig in eine geschlossene Anstalt eingewiesen.
Ein Jahr nachdem sie ins Koma gefallen war, öffnete Jana langsam ihre Augen.
Nichts Kindliches war mehr an ihr.
Als einer der Schwestern entdeckte, dass sie wach war, berührte sie der Blick, der das ganze Leid und Wissen in sich vereint zu haben schien, zutiefst.
Nach und nach trafen Ärzte und Schwestern ein.
Als klar war, dass Jana keinen Schaden erlitten hatte, setzten sie alles daran, ihr ins Leben zurück zu helfen.
Der Vater wurde benachrichtigt, aber das schlechte Gewissen überwog, so dass er auch weiterhin auf einen Kontakt mit seiner Tochter verzichtete.
Seinem Sohn erzählte er auch nicht, dass seine Schwester lebte, dann hätte er sich ja zu seiner Lüge bekennen müssen.
Eines Tages war Jana soweit wieder hergestellt, dass man sie entlassen konnte.
Sie kam auf eigenen Wunsch in eine Pflegefamilie und wurde dort liebevoll betreut.
Mit ihrer Schwester und ihrer Mutter hatte sie immer noch Kontakt, sie halfen ihr, die ganzen Zusammenhänge zu verstehen.
Ihren Vater vermisste sie nicht, aber ihren Bruder.
Zwei Jahre später machte sie ihr Abitur und in Anbetracht ihrer langen Krankheit mit einer guten 3.
Das Mädchen hatte sich entschlossen, eine Ausbildung als Krankenschwester zu machen.
Sie hatte ja am eigenen Leib erfahren, wie wichtig und segensreich diese Tätigkeit war.
Es war natürlich kein Zufall, dass sie in derselben Stadt ein Krankenhaus fand, welches sie ausbilden würde, in der auch ihr Bruder Felix studierte.
Eine typische Universitätsstadt, mittelgroß und täglich waren viele junge Leute unterwegs.
Es dauerte wirklich ein ganzes Jahr, bis sie sich begegneten.
Zuerst erkannten sie sich nicht, schließlich hatten sie sich fast 5 Jahre nicht gesehen.
Felix begleitete einen Freund, der sich bei einem Sturz das Bein gebrochen hatte in das Krankenhaus, in dem Jana lernte.
Während die Personalien aufgenommen wurden, fragten sie auch nach dem Namen des Begleiters und Jana zuckte zusammen, als sie ihren eigenen Namen hörte.
Als sie ihn anschaute, erkannte sie auch den Bruder, nur er ahnte nichts, hielt er sie doch für tot.
An dem Tag traute sich sie sich nicht, ihn anzusprechen, da er sie ja offensichtlich nicht erkannte, aber ihr Herz klopfte.
Nun sah sie ihn mehrmals in der Woche, wenn er seinen Freund besuchte, der an der netten ruhigen Schwester Gefallen gefunden hatte.
Eines Tages war sie gerade im Zimmer des jungen Mannes, als ihr Bruder wieder zu Besuch kam.
Heute wollte sie ihm sagen, wer sie war, das hatte sie sich vorgenommen.
Der Freund scherzte mit ihr, doch sie wirkte ein wenig abwesend. Schon verließ sie der Mut und sie wollte aus dem Zimmer gehen, als der Freund sie nach ihrem Nachnamen fragte, um ihr einen Blumenstrauß als Dankeschön zu schicken, für die liebevolle Betreuung.
Jana nannte ihren Nachnamen und sah, wie Felix zusammenzuckte und ganz blass wurde.
Dann ging alles sehr schnell.
Die Fragen prasselten auf sie ein und sie beantwortete alle, so gut sie konnte.
Endlich glaubte der Bruder, dass er seine tot geglaubte Schwester vor sich hatte und nahm sie erst einmal in die Arme.
Der Freund hatte die ganze Zeit still und mit großen Augen zugehört, aber dann angefangen zu lächeln.
Über die Einzelheiten sprachen sie in der folgenden Zeit, beide erzählten ihren Teil der Geschichte und auch die Mutter und Schwester wurden mit einbezogen.
Felix konnte sie zwar nicht sehen und hören, aber ließ sich alles von Jana berichten.
Den Kontakt zum Vater brach der junge Mann sofort ab. Er konnte ihm nicht verzeihen, dass er es zugelassen hatte, dass zuerst die leibliche Mutter und fast auch die Schwester von der Frau umgebracht wurden, die sich jahrelang als Mutter präsentiert hatte.
Marie und Lena kamen immer seltener zu Jana, ihre Aufgabe war beendet und irgendwann würden sich ja alle wieder sehen.
Felix und Jana verloren sich nie wieder aus den Augen, auch nicht, als beide Partner gefunden hatten und eine eigene Familie gründeten.
Ich habe meine Meinung, verwirren Sie mich nicht mit Tatsachen.
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kraut-brain offline
Toningenieur
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Betreff: Re: Das Kind in der Wand  -  Gepostet: 07.01.2018 - 16:26 Uhr  -  
Moni, für mich hast du eine sehr berührende Geschichte geschrieben, die nicht nur unter die Haut ging, sondern in mir zunächst Spachlosigkeit hervorrief. Das Traurige ist jedoch, dass es derartige kranke Handlungsweisen auch im tatsächlichen Leben gibt, wenn auch bisweilen in modifizierter Form. Zumindestens haben sich die Wege von Jana und Felix wieder gekreuzt.

Moni, Danke dafür .....
Ein Tag ohne Musik ist kein schöner Tag!
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Moniek offline
DJ
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Betreff: Re: Das Kind in der Wand  -  Gepostet: 07.01.2018 - 18:44 Uhr  -  
:) Dankeschön
Ich habe meine Meinung, verwirren Sie mich nicht mit Tatsachen.
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Tom Cody offline
Labelboss
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Betreff: Re: Das Kind in der Wand  -  Gepostet: 08.01.2018 - 18:09 Uhr  -  
Liebe Moni, eine aus meiner Sicht sehr traurige und übersinnliche Geschichte. Heutzutage würde man sicherlich von einem "Mystery- Effekt" schreiben. Du hast die Gabe, derartige Geschehnisse in sehr lesenswerte und auch empfindsame Zeilen zu kleiden. Ich bin der Ansicht, wie kraut- brain auch, daß solche kranken und kriminellen Handlungen nicht nur in der Fiktion, sondern leider auch im wahren Leben, bestehen.

Moni, besten Dank! :)
Thank God for Psychedelic Rock !
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Moniek offline
DJ
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Betreff: Re: Das Kind in der Wand  -  Gepostet: 09.01.2018 - 13:50 Uhr  -  
Danke für Deine Bewertung.
Leider gibt es solche *kranken* Menschen wirklich, es hat sie immer gegeben
und man müsste sie gar nicht erfinden.
Ich habe meine Meinung, verwirren Sie mich nicht mit Tatsachen.
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White Bird offline
Musiklexikon
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Betreff: Re: Das Kind in der Wand  -  Gepostet: 17.01.2018 - 17:09 Uhr  -  
Folgt man den Zeilen, so wird man von einer großen Traurigkeit ergriffen. So hautnah wird hier eine Geschichte beschrieben, die von Tragik und Ungerechtigkeit erfüllt ist. Und trotzdem bleibt am Ende ein Türchen offen, das ein scheinbares Happy End verkündet.

Moni, mit dieser Erzählung ist dir wieder ein große Wurf gelungen. Danke dafür. :)
Denke nicht so oft an das, was dir fehlt, sondern an das, was du hast.
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Moniek offline
DJ
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Themenstarter
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Betreff: Re: Das Kind in der Wand  -  Gepostet: 19.01.2018 - 17:23 Uhr  -  
Dankeschön :)
Ich habe meine Meinung, verwirren Sie mich nicht mit Tatsachen.
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