März 2017 - Blackmail - Bliss,Please

 
DJ
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März 2017 - Blackmail - Bliss,Please

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Gepostet: 01.03.2017 - 12:45 Uhr  ·  #1
Blackmail - Bliss,Please

Obwohl gebürtiger Baby-Boomer, also Jahrgang 1964, waren für mich die 90er und 2000er Jahre die musikalisch prägendste Zeit was Rockmusik anbelangt. In den für mich unter diesem Gesichtspunkt eher unbefriedigenden 80ern war ich, auch dank eines befreundeten Studienkollegen, überwiegend in Sachen Jazz unterwegs und erst mit der beruflichen Selbständigkeit und einem damit verbundenen Umzug kam ein Aufbruch zu neuen Ufern auch in meinem CD-Bestand. Der Grunge hatte seine Spuren hinterlassen und wenn da auch einiges in die falsche Richtung ging, hatte er auch meine Ohren dafür geöffnet, dass es auch lange nach den Siebzigern spannende rockmusikalische Gefilde zu entdecken gab, gerne auch mal im etwas härteren Bereich, ohne gleich metallisch zu werden. Es ist also nur konsequent, für meinen „Wiederentdeckt“-Beitrag etwas aus dieser Zeit zu wählen, wobei ich sehr schnell auf eine Scheibe stieß, die man auch heute noch mit Vergnügen anhören kann.


Praktischerweise trägt der Albumtitel „Bliss,Please“ auch gleich in sich, was einen hier erwartet – Glückseligkeit nämlich, aber dazu gleich mehr.

Ich meine mich zu erinnern, dass der Erstkontakt mit der Koblenzer Band Blackmail denn auch tatsächlich die Auskopplung „Same Sane“ aus diesem Album war, vermutlich über einen der damals noch ernstzunehmenden Musiksender (ja, da gab es in diesen Tagen tatsächlich gute Clips in spannenden Sendeformaten). „Same Sane“ also, ein schwungvoller Ohrwurm, dargeboten von der Truppe um den charismatischen, durchaus eigenwilligen Sänger Aydo Abay (der auch alle Texte beisteuerte) und den Gitarristen Kurt Ebelhäuser (ebenso Produzent und Soundtüftler), der auch zu einem ganz anständigen Clubhit wurde.

Same Sane

„Bliss, Please“ wurde aufgenommen in den Bluebox-Studios in Troisdorf, der soundttechnischen Herberge von Guido Lucas, damals so etwas wie der Pate des deutschen Alternative Rock (und ein sehr netter, bodenständiger Kerl, der später z.B. auch als Bassist mit der Band Genepool unterwegs was). Der Vorgänger „Science Fiction“ war auch dort entstanden, auf dem BlueNoise Label erschienen und ist immer noch ein Geheimtipp in der Alternative-Szene. „Bliss, Please“ ging aber einen deutlichen Schritt vorwärts ins Licht: Das Label Speicherstadt gehörte zur Warner und die Musik war mehr als nur Noise, sondern sehr vielseitig, sowohl in Sachen Songwriting als auch den Arrangements. Neben harten Kanten zeigte man Mut zum lupenreinen Pop, schwebendem Wohlklang, aber auch psychedelischen Effekten – manchmal alles gar in einem Stück („Amelia“)

Amelia

Aydo Abay ist mal der nachdenkliche. Leicht verloren wirkende Grübler („A Reptile For The Saint“, eine herrlich kitschfreie Ballade), dann wieder das hedonistische Energiebündel („Emetic“). Und Kurt Ebelhäuser zeigt, dass er nicht nur Gitarren kann:

Bläser und schräge Samples werden ebenso geschmackssicher eingebettet wie ein Vibraphon. Kurts Bruder Carlos liefert gemeinsam mit Drummer Mario Matthias das Fundament für die 16 schillernden Songperlen, unter denen es eigentlich keinen Ausfall gibt.

Herausheben möchte man dabei die längst zum Bandklassiker mutierte, sich auch ins Ohr festsetzende, fiebrige Drogenphantasie „Ken I Die“, das im strahlenden Pophimmel verankert „The Small Saving Tar Pit“, das schwebende, sommerlich träge Zufriedenheit ausstrahlende „Permanently Temporary“ und der instrumentale Rausschmeißer „The Day The Earth Stood Still“, der nach dem gleichnamigen Science-Fiction-Film von Robert Wise benannt wurde.

A Reptile For The Saint

Ken I Die

The Day The Earth Stood Still

Hier gibt es kein zielloses Geschraddel, wie öfter mal im Alternative Rock, sondern einfach nur traumhafte Melodien, knackige Hooks, beseelte Gesangspassagen und Harmonien, die das Herz einnehmen können, während gleichzeitig ordentlich Druck gemacht wird, der in die Magengegend fährt, damit man nicht in allzu seichten Gewässern strandet. Hier ist tatsächlich Glückseligkeit („Bliss“) vorprogrammiert, das Album ist nicht nur für praktisch jede Stimmung gut, sondern, wie schon erwähnt, auch nahezu zeitlos.

Und dazu eine gute Stunde lang. Nun, wie man Weiß war dies trotz durchweg positiver Kritiken kein Start zur Weltkarriere, Blackmail legte mit „Friend Or Foe“ noch einen starken Nachfolger, dessen Quasi-Titelstück „Friend“ für mich einer der besten Rocksongs aller Zeiten ist, bevor sich dann Abay von den Koblenzern verabschiedete, die bis heute noch aktiv sind, aber mit „Bliss,Please“ - im Jahre 2001 – sicherlich ihre Augenblicke für die Ewigkeit hatten.

Bliss, Please Label: Speicherstadt/Warner VÖ: 26. Februar 2001

Laufzeit: 61:27 Minuten

1. Data Buzz – 2:42
2.Same Sane – 3:44
3.Amelia – 5:11
4.A Reptile for the Saint – 5:02
5.For Sure – 3:08
6.Emetic – 2:52
7.By Any Method – 4:39
8.Dee – 1:02
9.The Small Saving Tar Pit – 3:21
10.Frop – 3:18
11.Ken I Die – 4:09
12.Club 45 – 2:42
13.Sad Sauce – 4:09
14.Permanently Temporary – 6:22
15.Leave On – 2:22
16.The Day the Earth Stood Still – 6:44

Aydo Abay: Gesang
Kurt Ebelhäuser: Gitarre, Keyboard
Carlos Ebelhäuser: Bass, Keyboard
Mario Matthias: Schlagzeug

Gastmusiker:
Oliver Fries: Hammond-Orgel, Keyboard, Moog-Synthesizer
Georg Brenner: Moog-Synthesizer
Bob Sinclar: Trompete
Altfrid M. Sicking: Vibraphon[/quote]
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Re: März 2017 - Blackmail - Bliss,Please

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Gepostet: 01.03.2017 - 17:16 Uhr  ·  #2
danke für den Tipp, für mich ist das neicht "Wiederentdeckt" sondern neu Entdeckt"
Erste hörproben gefallen, da werde ich noch mehr reinhören
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Re: März 2017 - Blackmail - Bliss,Please

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Gepostet: 01.03.2017 - 17:45 Uhr  ·  #3
Sehr ausführliche Rezi, nur nicht meine Musik. Macht nichts, aber danke für die Vorstellung. :-P
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Re: März 2017 - Blackmail - Bliss,Please

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Gepostet: 01.03.2017 - 18:55 Uhr  ·  #4
kann mich freaksound nur anschließen, höre gerade "Ken I die", gefällt mit den Samples und elektronischen Loops

trurl
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Re: März 2017 - Blackmail - Bliss,Please

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Gepostet: 02.03.2017 - 14:32 Uhr  ·  #5
Hoppela, ...sehr ausführlich, danke für die Mühe <_<

Mit Deiner Wahrnehmung des Songs "Same Sane" kann ich mich nicht unbedingt anfreunden, zumindest zündete er nicht direkt. Allerdings, - die anderen Soundproben kamen gut und machen Appetit. Vorsorglich, damit es nicht vergessen wird, schlummert das Album nun im Warenkorb. Bis die Geldbörse wieder Grünes Licht signalisiert.

Meiner Meinung nach sind solch schöne Wiederentdeckungen und Rezis im Allgemeinen das, was ein gutes Forum ausmacht. Auseinandersetzen mit der Musik, persönliche Eindrücke wiedergeben und darüber plaudern. Das kann ein "Daumen hoch" unter einem Brezel nicht ersetzen.

Was will man mehr? Klare Kiste: Mehr davon!
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Re: März 2017 - Blackmail - Bliss,Please

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Gepostet: 02.03.2017 - 15:31 Uhr  ·  #6
...das erinnert mich an meine Zeit, wo ich aus deutschen landen u.a. The Notwist gehört habe...geht z.T. auch in Sachen Coolness und Abgehangenheit in diese Richtung...

...und das ganze aus Koblenz...Jesamine und Musikundliebhaber haben uns deren Heimatband doch glatt unterschlagen...

...eine spannende Band...wobei mir von den Links das schöne "A Reptile For The Saint" am besten gefällt...
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Re: März 2017 - Blackmail - Bliss,Please

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Gepostet: 02.03.2017 - 18:35 Uhr  ·  #7
Von "permanently Temporary gibt es wohl nix in der Tube, der Song ist echt toll, mit ausgiebigem Vibraphone-Teil
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Re: März 2017 - Blackmail - Bliss,Please

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Gepostet: 03.03.2017 - 19:11 Uhr  ·  #8
Ach, schau an, die Blackmails. Diese CD steht auch hier und ich bin auch wie du damals durch "Same sane" auf sie aufmerksam geworden. Fand dann auch den ganzen Longplayer sehr ansprechend und erfrischend, daher wurde direkt gekauft. Allerdings fand dann lediglich noch ihr 2006er Werk "Aerial view" den Weg zu mir. Habe ich ewig nicht mehr aufgelegt. Das werde ich in den nächsten Tagen mal ändern. Insofern danke für die Wiederentdeckung.
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Re: März 2017 - Blackmail - Bliss,Please

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Gepostet: 04.03.2017 - 10:58 Uhr  ·  #9
Vôllig unbekanntes Terrain für mich. Wobei "The day the earth stood still" mich knallhart an Yo La Tengo erinnert. Trotzdem vielen Dank für die Vorstellung.

radiot grüsst! 8)
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Re: März 2017 - Blackmail - Bliss,Please

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Gepostet: 06.03.2017 - 19:33 Uhr  ·  #10
Kannte ich bislang noch gar nicht. Danke fürs Bekanntmachen!
Nachdem die CD so verführerisch im Amazonasgebrauchtwasserbecken schwamm, habe ich mir sie geangelt und nun gerade das zweite Mal angehört. Und sie weiß absolut zu gefallen. ://

So ganz spannend finde ich sie nicht, aber sehr stimmungsvoll und gut zu hören. Phasenweise erinnert sie mich gerade von der Stimmung ein wenig an einige Sachen von Tocotronic. Die mag ich aber auch manchmal gerade wegen der Stimmung. Das quasi letzte Stück " Permamently temporary" ist neben "amelia" und "a reptile for the saint" für mich bislang der Höhepunkt. Das danach folgende Stück 15, eine 2:22 min. lange Leer-rille ( leave on) gleicht mir eher einem Witz, über den man nur einmal lachen kann (Das wäre etwas für die Jukebox, wenn man mal seine Ruhe haben will. Ich glaube, das gab es zu der Jukeboxzeit auch tatsächlich einmal). Danach kommt dann ja auch noch der "Rausschmeißer" ohne charismatischem Sänger, was ich ein wenig schade als Abschluss finde.
Für mich hat das Album auch etwas vom Zeitlosen, meint würde heute so nicht produziert werden, aber morgen noch wert zu hören sein.
Vielen Dank für die Vorstellung, die mich neugierig gemacht und nicht enttäuscht hat!
LG, Ziggy
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Re: März 2017 - Blackmail - Bliss,Please

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Gepostet: 06.03.2017 - 22:09 Uhr  ·  #11
Zitat geschrieben von Ziggy

Kannte ich bislang noch gar nicht. Danke fürs Bekanntmachen!
Nachdem die CD so verführerisch im Amazonasgebrauchtwasserbecken schwamm, habe ich mir sie geangelt und nun gerade das zweite Mal angehört. Und sie weiß absolut zu gefallen. ://

So ganz spannend finde ich sie nicht, aber sehr stimmungsvoll und gut zu hören. Phasenweise erinnert sie mich gerade von der Stimmung ein wenig an einige Sachen von Tocotronic. Die mag ich aber auch manchmal gerade wegen der Stimmung. Das quasi letzte Stück " Permamently temporary" ist neben "amelia" und "a reptile for the saint" für mich bislang der Höhepunkt. Das danach folgende Stück 15, eine 2:22 min. lange Leer-rille ( leave on) gleicht mir eher einem Witz, über den man nur einmal lachen kann (Das wäre etwas für die Jukebox, wenn man mal seine Ruhe haben will. Ich glaube, das gab es zu der Jukeboxzeit auch tatsächlich einmal). Danach kommt dann ja auch noch der "Rausschmeißer" ohne charismatischem Sänger, was ich ein wenig schade als Abschluss finde.
Für mich hat das Album auch etwas vom Zeitlosen, meint würde heute so nicht produziert werden, aber morgen noch wert zu hören sein.
Vielen Dank für die Vorstellung, die mich neugierig gemacht und nicht enttäuscht hat!
LG, Ziggy



Danke für das ausführliche Feedback. Kurt Ebelhäuser, der Gitarrist und Produzent hat ein Faible für Soundgimmicks, die nicht immer funktionieren, Und irgendwie hört man da schon auch die 16 Jahre, die das ding inzwischen auf dem Buckel hat.

Jedenfalls war die Alternative Szene zu jener Zeit in Deutschland durchaus recht spannend - The Notwist und Tocotronic wurden ja schon erwähnt, spontan wären noch Die Sterne, Blumfeld oder Kante aus Hamburg, Harmful, Violent Femmes, Rausch oder Terry Hoax, The Inchtabokatables und natürlich Element Of Crime, da gab es schon spannendes. Und eine meiner Lieblingsbands mit einem etwas seltsamen Namen, von der ich dann auch noch mal was rezensieren werde, kleiner Tipp: kommen aus Meck-Pomm...
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Re: März 2017 - Blackmail - Bliss,Please

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Gepostet: 07.03.2017 - 17:31 Uhr  ·  #12
danke für die Vorstellung,
ich werde den Hörbeispielen folgen.
Klingt interessant...
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Re: März 2017 - Blackmail - Bliss,Please

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Gepostet: 10.03.2017 - 13:05 Uhr  ·  #13
Danke für die Vorstellung, die Hörbeispiele haben mich neugierig gemacht,
mal sehen, wohin mich das führt ://
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Re: März 2017 - Blackmail - Bliss,Please

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Gepostet: 11.03.2017 - 18:35 Uhr  ·  #14
Danke für den ausführlichen Bericht. Ich habe mir die Beispiele angehört. Ich weiß nicht woran es liegt, aber so richtig warm werde ich damit nicht. Ich selbst habe die Aerial View (habe ich gerade noch mal herausgefischt aus den Tiefen der HD und läuft jetzt). Eigentlich ist das durchaus mein Sound, aber mir fehlt irgendwie die Spannung in den Songs. Kommt live vermutlich ganz gut, wenn mehr Dynamik und weniger Spröde vorhanden ist.
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